FRANKFURT (dpa-AFX) – Die Verhandlungen über den griechischen Schuldenschnitt stehen kurz vor dem Abschluss – seit Wochen. An den Finanzmärkten sorgt die Hängepartie für Nervosität, denn Griechenland läuft die Zeit davon. Doch längst sitzt der Krisenstaat nicht mehr nur mit seinen privaten Gläubigern am Pokertisch. Anscheinend sind es vor allem die Vertreter aus der Riege der Euro-Retter, die die Gespräche aufhalten. Inzwischen ist ein zähes Ringen um die Beteiligung öffentlicher Gläubiger entbrannt. Vor allem die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) ist brisant. Sie hat mehr Griechenland-Anleihen auf den Büchern als alle anderen Parteien und will sich am Forderungsverzicht nicht beteiligen. ‘Wir haben uns mit den privaten Kreditgebern über die Eckdaten eines Schuldenschnitts geeinigt und befinden uns in den Gesprächen mit EU- und IWF-Offiziellen auf der Zielgeraden’, sagte der griechische Regierungssprecher Pantelis Kapsis am Freitag in Athen. Mittlerweile ist die Skepsis gegenüber Aussagen dieser Art jedoch groß. Zu oft hieß es bereits, man befinde sich nur noch ‘einen Schritt’ von einer Einigung entfernt. Viele Investoren sind sich aber sicher, dass dieser entscheidende Schritt nur über die mächtige EZB führen kann. Mit etwa 50 Milliarden Euro griechischen Anleihen im Portfolio ist die Notenbank schon lange der größte Einzelgläubiger Griechenlands. Die EZB hat stets betont, eine Beteiligung am Schuldenschnitt komme für sie nicht in Frage. Dem griechischen Finanzminister Evangelos Venizelos zufolge hängen die Verhandlungen an der Frage, ob EZB und nationale Notenbanken beim Forderungsverzicht mit ins Boot steigen. IWF-Chefin Christine Lagarde und Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker haben die Blockadehaltung der EZB bereits hinterfragt. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der als Präsident der Banken-Lobby IIF der Interessenvertretung der privaten Gläubiger vorsteht, fordert mit Blick auf die EZB, dass jeder seinen Teil leistet. ‘Die Investoren haben einen sehr großen Beitrag offeriert. Das reicht noch nicht ganz, um auf die Zielgrößen zu kommen’, sagte Ackermann am Donnerstag in Frankfurt. Brüsseler Diplomatenkreise bestätigen unterdessen, dass öffentliche Gläubiger wie die EZB bei den Verhandlungen inzwischen das Zünglein an der Waage sind. Demnach setzen die Geldgeber auf einer Beteiligung der Notenbank. Da die EZB griechische Staatsanleihen weit unter Marktwert gekauft habe, bräuchte sie lediglich auf künftige Gewinne zu verzichten. Das Vorhaben ist aber heikel, da die Notenbanken unabhängig sind und von der Politik nicht gezwungen werden können, bei der Griechenland-Rettung mitzuziehen. Der Schritt müsste also freiwillig sein. Die Zeit drängt: Griechenland muss 14 Milliarden Euro besorgen, um im März fällige Schulden zurückzuzahlen. Doch eigentlich müsste alles noch viel schneller gehen. Denn der Schuldenschnitt ist mittlerweile Teil eines komplexen Gesamtpakets, um das erbittert gerungen wird. Das Problem: Schuldenschnitt hin oder her – Griechenland braucht noch mehr Geld und zwar zügig – das bestehende Rettungspaket reicht nicht mehr aus. ‘Bis Mitte Februar sollte das neue Hilfsprogramm für Griechenland stehen, ansonsten droht der Zahlungsausfall’, sagt Commerzbank Chefvolkswirt Jörg Krämer. Vor diesem Hintergrund wäre es eine sehr schlechte Nachricht, wenn die Gespräche nicht am Wochenende abgeschlossen würden. EU-Diplomaten sagten am Freitag in Brüssel, das neue Paket könnte einen Umfang von 145 bis 150 Milliarden Euro haben. EU und IWF waren bisher lediglich von 130 Milliarden Euro ausgegangen. Ein erstes Hilfsprogramm hatte bereits 110 Milliarden Euro verschlungen. Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf darüber, wie die zusätzlichen Mittel aufgetrieben werden sollen. Diplomaten berichteten, dass die Kommissionsvertreter mehr auf die Budgetsanierung pochten, während die IWF-Mitglieder auf Strukturreformen drängten. Umstritten sind demnach vor allem Lohnkürzungen. Doch selbst wenn der Schuldenschnitt endlich vereinbart werden sollte und sich ausreichend Gläubiger daran beteiligen, sehen Experten für Griechenland schwarz. Dabei steht vor allem der Sanierungskurs in der Kritik. ‘Das laufende Hilfsprogramm versagt’, sagt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding. Exzessive Sparmaßnahmen und fehlende Reformen, um die Nachfrage zu stärken, gepaart mit administrativer Inkompetenz und politischem Stillstand hätten die griechische Wirtschaft in eine ‘Todesspirale’ geführt. Seitdem an den Finanzmärkten die Befürchtung kursiert, der griechische Schuldenschnitt könnte auf den letzten Metern scheitern, stieg auch das Misstrauen gegenüber Portugal wieder deutlich. Offensichtlich nehmen viele Anleger der Politik die ständigen Beteuerungen nicht ab, Griechenland sei ein Sonderfall und bleibe eine absolute Ausnahme. So machten Anleihehändler die stockenden Verhandlungen in Athen verantwortlich, als die Renditen für portugiesische Staatstitel in der vergangenen Woche auf neue Rekordstände seit Einführung des Euro kletterten./hbr/DP/hbr — Von Hannes Breustedt, dpa-AFX —
HINTERGRUND: Griechischer Schuldenschnitt – die EZB als Zünglein an der Waage (04. Februar 2012, 17:05 Uhr)
Posted by admin on February 4th, 2012
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